Arbeitszeugnis entschlüsseln: Welche Noten stecken hinter den Formulierungen?
Ein Arbeitszeugnis liest sich oft freundlich, sagt aber nicht immer eindeutig aus, wie Ihre Leistungen tatsächlich bewertet wurden. Wenn Sie Ihr Arbeitszeugnis entschlüsseln möchten, müssen Sie die feinen Unterschiede der Wortwahl kennen. In diesem Ratgeber erfahren Sie, welche Noten sich hinter den gängigen Formulierungen verbergen.
Warum Arbeitgeber verschlüsselte Formulierungen im Arbeitszeugnis verwenden
Bei der Formulierung eines Arbeitszeugnisses müssen Vorgesetzte eine Reihe von Grundsätzen beachten. Dazu gehört beispielsweise die umfassende Beschreibung der Tätigkeiten und Leistungen. Darüber hinaus darf der Arbeitgeber in seiner Beurteilung nicht lügen und ist dazu verpflichtet, sich wohlwollend auszudrücken. Offene Kritik oder klar negative Aussagen sind also nicht erlaubt, selbst wenn die Leistungen oder das Verhalten des Arbeitnehmers nicht überzeugt haben.
Als Kompromiss hat sich eine besondere „Zeugnissprache“ entwickelt. Arbeitgeber drücken Lob oder Kritik nicht direkt aus, sondern nutzen feste Formulierungen mit abgestufter Bedeutung. Für Sie als Arbeitnehmer lesen sich diese Sätze zwar ausschließlich positiv, doch Personalverantwortliche erkennen sofort, welche Note gemeint ist. Um Ihr Arbeitszeugnis zu entschlüsseln, müssen Sie lernen, welche Formulierungen für welche Note stehen.
Arbeitszeugnisse verstehen
Glücklicherweise müssen Sie nicht jede Art von Arbeitszeugnis entschlüsseln. Hier lohnt es sich, einen genauen Blick auf die Arten der Arbeitszeugnisse zu werfen und die darin formulierten Aussagen einzuordnen und zu verstehen. Hinter scheinbar wohlklingenden Sätzen verbergen sich nämlich feine Unterschiede, die Ihre Leistung und Ihr Verhalten in Noten bewerten.
Arten von Leistungsbeurteilungen
- Einfaches Arbeitszeugnis: Ein einfaches Arbeitszeugnis beschränkt sich auf sachliche Informationen wie Dauer der Beschäftigung und ausgeübte Tätigkeiten. Daher fehlt unter anderem eine Bewertung des Sozialverhaltens. Es ist in der Regel nicht erforderlich, ein einfaches Arbeitszeugnis zu entschlüsseln, weil meist keine Codierung verwendet wird.
- Qualifiziertes Arbeitszeugnis: Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis dient zum Beispiel der Bewertung von Fachkräften und langjährigen Mitarbeitern und enthält daher eine ausführliche Bewertung von Sozialverhalten und Leistung. Hier kommt die codierte „Zeugnissprache“ insbesondere zum Tragen.
- Zwischenzeugnis: Ein Zwischenzeugnis wird in einem laufenden Arbeitsverhältnis ausgestellt, zum Beispiel bei einem Wechsel des Vorgesetzten oder bei einer internen Bewerbung im selben Unternehmen. Inhaltlich ähnelt ein Zwischenzeugnis stark dem qualifizierten Arbeitszeugnis und enthält ebenfalls verschlüsselte Formulierungen.
Bewertungsbereiche eines Arbeitszeugnisses
Jeder Arbeitnehmer, der ein Unternehmen verlässt, hat einen Anspruch auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis. Dieses enthält eine Beurteilung seiner Arbeitsweise und Arbeitsqualität. Der Arbeitgeber bewertet das Arbeitsverhältnis anhand der Bereiche „Leistung“ und „Verhalten“.
Beurteilung der Leistungen im Zeugnis
In der Leistungsbeurteilung beschreibt der Arbeitgeber, wie Sie Ihre Aufgaben erledigt haben. Dabei werden mehrere Einzelaspekte betrachtet, die zusammen ein Gesamtbild Ihrer Arbeit ergeben.
- Motivation: Hier geht es darum, wie engagiert und fleißig Sie Ihre Aufgaben übernommen haben. Formulierungen zeigen, ob Sie Eigeninitiative gezeigt haben oder ob Sie eher nur auf Anweisung gearbeitet haben.
- Fachkenntnisse: Dieser Punkt im Zeugnis bewertet Ihr Fachwissen und Ihre Fähigkeiten in Ihrem Aufgabenbereich. Entscheidend ist, ob Ihr Arbeitgeber Ihre Kenntnisse als sicher und umfassend einschätzt oder ob sie lediglich grundlegenden Ansprüchen genügen. Weiterhin bewertet Ihr Vorgesetzter hier auch weitere Fähigkeiten wie zum Beispiel Ihre Auffassungsgabe.
- Arbeitsweise: Die Arbeitsweise gibt Aufschluss darüber, wie strukturiert, sorgfältig und selbstständig Sie gearbeitet haben. Auch Zuverlässigkeit, Belastbarkeit und Arbeitstempo spielen hier eine Rolle.
- Erfolge: Beim Erfolg bewertet der Arbeitgeber, welche Ergebnisse Sie erzielt haben. Positive Formulierungen deuten darauf hin, dass Sie Ihre Aufgaben erfolgreich und zielorientiert erfüllt haben. Nicht nur die Quantität, sondern auch Ihre Arbeitsqualität sind entscheidende Kriterien für eine gute Note in diesem Bereich.
Beurteilung des Verhaltens im Zeugnis
Das Sozialverhalten beschreibt, wie gut Sie sich im Unternehmen, in den Arbeitsalltag und die betriebliche Ordnung eingefügt haben. Dabei sind persönliche Fähigkeiten wie Teamfähigkeit, Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und der Umgang mit Kritik gegenüber Kollegen, Vorgesetzten sowie externen Mitarbeitern und Kunden von großer Bedeutung. Zu bewerten ist ausschließlich Ihr Verhalten im beruflichen Umfeld. Persönliche Überzeugungen, politische Ansichten oder gewerkschaftliche Aktivitäten finden keine Berücksichtigung. Auch Hinweise auf Betriebsratsarbeit oder eine Gewerkschaftszugehörigkeit sind nur zulässig, wenn Sie dies im Zeugnis ausdrücklich wünschen.
Die Notenskala im Zeugnis
Auch wenn im Arbeitszeugnis keine Zahlen stehen, orientieren sich die Formulierungen an der bekannten Schulnotenskala von „sehr gut“ bis „mangelhaft“.
Note 1: sehr gut
Note 2: gut
Note 3: befriedigend
Note 4: ausreichend
Note 5: mangelhaft
Codierte Formulierungen im Arbeitszeugnis
Wollen Sie ein Arbeitszeugnis entschlüsseln, müssen Sie genaustens auf die Formulierungen achten. Für jeden der typischen Bereiche der Leistungsbeurteilung finden Sie im Folgenden beispielhafte Formulierungen, die den jeweiligen Noten entsprechen.
Bereich Motivation
Note 1: Herr K. zeigte stets ein sehr hohes Maß an Fleiß und überzeugte durch große Leistungsbereitschaft.
Note 2: Herr K. zeigte stets Fleiß und Eifer.
Note 3: Herr K. zeigte Fleiß und Eifer.
Note 4: Herr K. erledigte die ihm übertragenen Aufgaben.
Note 5: [fehlt]
Bereich Fachkenntnisse
Note 1: Herr K. verfügte über äußerst fundierte Fachkenntnisse, die er jederzeit sicher und erfolgreich einsetzte.
Note 2: Herr K. verfügte über sehr gute Fachkenntnisse, die er in der Praxis stets sicher anwandte.
Note 3: Herr K. verfügte über solide Fachkenntnisse, die er in der Regel erfolgreich einsetzte.
Note 4: Herr K. verfügte über Fachwissen, das den Anforderungen entsprach.
Note 5: Herr K. verfügte über Grundkenntnisse in seinem Arbeitsgebiet.
Bereich Arbeitsweise
Note 1: Herr K. arbeitete äußerst sorgfältig, strukturiert und selbstständig.
Note 2: Herr K. arbeitete stets sorgfältig und selbstständig.
Note 3: Herr K. arbeitete sorgfältig und zuverlässig.
Note 4: Herr K. arbeitete insgesamt zufriedenstellend.
Note 5: Herr K. arbeitete nach Anleitung und Kontrolle.
Bereich Erfolge
Note 1: Herr K. erzielte stets hervorragende Arbeitsergebnisse und erfüllte die Erwartungen in jeder Hinsicht.
Note 2: Herr K. erzielte gute Arbeitsergebnisse und erfüllte die Erwartungen voll.
Note 3: Herr K. erzielte zufriedenstellende Arbeitsergebnisse.
Note 4: Herr K. erfüllte die Anforderungen insgesamt.
Note 5: [fehlt]
Bereich Sozialverhalten
Note 1: Herr K. verhielt sich gegenüber Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen sowie Kunden stets vorbildlich.
Note 2: Herr K. verhielt sich gegenüber Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen stets einwandfrei.
Note 3: Herr K. verhielt sich gegenüber Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen korrekt.
Note 4: Herr K. zeigte insgesamt ein zufriedenstellendes Verhalten gegenüber Kolleginnen und Kollegen.
Note 5: Herr K. verhielt sich gegenüber Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen im Großen und Ganzen korrekt.
Gesamtleistung
Note 1: Herr K. erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit.
Note 2: Herr K. erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit.
Note 3: Herr K. erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit.
Note 4: Herr K. erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben zu unserer Zufriedenheit.
Note 5: Herr K. hat sich bemüht, die ihm übertragenen Aufgaben zu erfüllen.